colorlight – graphicmoments | J. Graf-Bicher

Ines Hock ist geboren in Wetzlar, dort aufgewachsen, dann in Hannover (Abitur). Studiert in Mainz, in Tuscon, Arizona und Düsseldorf. Sie hat viele Jahre in Köln gelebt und ist mit der dortigen Kunstszene eng vernetzt. Preise und Stipendien haben ihr Arbeiten seit den 80er Jahren gefördert, groß ist die Zahl der Ausstellungen. Eine wunderbare Einzelausstellung im letzten Jahr in der Villa Zanders in Bergisch-Gladbach gab den letzten Anstoß, ihre Arbeiten ausführlich auch hier in Frechen zu zeigen. Schließlich lebt Ines Hock mit ihrem Mann Peter Hochscheid, ebenfalls Künstler, seit 2001 in Frechen und ist hier als Künstlerin noch wenig öffentlich wahrgenommen worden.

Der Titel, colorlight – graphicmoments, benennt gleich den Haupt-Akteur unserer Ausstellung: die Farbe. Und beim Gang durch diese Räume ist das auch sofort ersichtlich. Nun hat man es immer mit Farbe zu tun, wenn es um Malerei geht. Und gerade auch in der nicht abbildenden, nicht gegenständlichen Malerei. Hier ist die Farbe nicht nur ein Mittel, sondern ein wesentlicher Bildgegenstand. Aber auch hier kann die Farbe sehr verschiedene Funkionen übernehmen. Wir kennen die gestischen Werke des abstrakten Expressionismus und der informellen Malerei, die mit Farben seelische Prozesse sichtbar machen, wir kennen vielleicht auch die großen Leinwände von Barnett Newman, die uns durch einheitliche Farbflächen das Erhabene an sich vermitteln, oder die vielschichtigen Farbüberlagerungen von Mark Rothko, die einen Zugang zu spirituellen Erfahrungen schaffen können.
Ines Hocks Zugriff ist – so viel sie von solchen Meistern der Farbe auch gelernt haben mag – zunächst wesentlich sachlicher. Sie erforscht die Möglichkeiten von Farbe mit scheinbar einfachsten Mitteln. Und tut dabei ein ganzes Spektrum auf – und damit ist nicht nur im wörtlichen Sinn das Spektrum des Sonnenlichts gemeint. Ich möchte mit Ihnen dieses forschende Malen und Zeichnen von Ines Hock anhand der hier zu sehenden Arbeiten genauer in den Blick nehmen.
Zunächst: Wie bringt Ines Hock die Farbe auf die Fläche? In kleinsten Einheiten. Als kurze Linie oder kleinen Pinselstrich. Und das in zahlloser Wiederholung. Von links oben angefangen, Zeile für Zeile. Korrekturen ausgeschlossen. Ein strenges Konzept steht am Anfang, darin ist vieles festgelegt: der Malgrund, der Pinsel, die Farben, die Farbpalette. Was aber im Laufe der Durchführung dieser Versuchsanordnung entsteht, ist nur in Teilen geplant und vorhergesehen. Denn jede Setzung ergibt sich aus einer neuen Entscheidung über den Gebrauch der Mittel und in jede Entscheidung fließt das, was schon entstanden ist, mit ein. Das Konzept wird nicht mechanisch umgesetzt, es gibt nur den Rahmen vor, innerhalb dessen das Spiel der Farben seinen Lauf nehmen darf. So entstehen schwebende Strukturen mit feinen Rhythmen von Helligkeiten und dunklen Akzenten, von Farbverwandtschaften und Farbkontrasten, von Parallelen, die sich zu vertikalen Einheiten bündeln und wieder auflösen.Ein besonderer Untersuchungsschwerpunkt von Ines Hock gilt dem Verhältnis von Farbe und Linie. In einigen Arbeiten, in den drei leuchten Aquarellen im Eingangsbereich und im Ölgemälde an der letzten Wand, sind die Farben mit der ganzen Pinselbreite in klar unterschiedenen Farbformen, die bereits selbst Flächencharakter haben, auf den Untergrund gesetzt. In dem großen Teil der Werke  sind es feinste Linien oder Pinselstriche, die erst durch ihre Nähe zueinander, ihre Dichte und auch durch den Abstand beim Betrachten zusammenhängende Farb-und Formkomplexe bilden. Dabei entstehen lichtdurchtränkte Bildräume, die, wie hier in der großen und der kleinen Aquarellzeichnung,  Monet’sche Seerosen oder überhaupt impressionistische Landschaften in Erinnerung rufen. Verantwortlich für „Licht“ ist das genau bemessene Maß an Freiraum, an Untergrund und Zwischenraum für die einzelnen minimalen Linien- und Farbelemente. Die Leerstellen sind genauso wichtig für das Ganze wie die besetzten Stellen. Feinste Modulationen dieser Verhältnisse tarieren das An- und Abschwellen der Farb- und Lichtwerte aus. Ich kann mir im Moment kein beeindruckenderes Beispiel vorstellen für den berühmten Satz des Aristoteles „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

Farbe zu Farbe. Schier unbegrenzt sind die Versuchsanordnungen, mit denen Ines Hock die gegenseitige Beeinflussung der Farben, also die ‚Nachbarfarben‘ erkundet. Was Josef Albers in den strengen Serien seines Werks „Interaction of Color“ erarbeitet, das ganz auf das Quadrat abgestellt ist, setzt Ines Hock sozusagen mit leichter Hand und in spielerischer Freiheit fort. Suchen Sie in einer Aquarellzeichnung Elemente von gleichem Farbwert, gleicher Intensität und Helligkeit und beobachten Sie, wie verschieden die Wirkung, sagen wir besser Anmutung jeweils ist, je nach der farbigen Umgebung. Oder lassen sie die Farbklänge auf sich wirken, die von der Serie der malerisch gestalteten Monotypien im letzten Raum oder von der vierteiligen Arbeit „A Thousand Splendid Colors“ im zweiten Raum ausgehen.

Jedes Blatt erschließt mit wenigen Farben ungekannte Räume und Atmosphären, jedes rührt eine andere Seite in uns an. Im zweiten Raum sind einige Werke zusammengestellt, die – außer den erwähnten Monotypien – ausschließlich mit der feinen Linie arbeiten und zudem das strenge Prinzip des quasi schreibenden Arbeitens in Linien und Zeilen von links nach rechts verlassen. In diesen Zeichnungen wird nur der Bleistift verwendet, diesmal in einer kreisförmigen Bewegung, die von einer ersten Setzung mitten im Blatt ausgeht und sich zu immer weiteren Bögen entwickelt, die an strudelndes Wasser erinnern. Der Kontrast zu den Blättern, die quasi schreibend in geraden Zeilen entstehen, macht deutlich, wie entscheidend die Wahl eines spezifischen Beginns für die Entwicklung einer Arbeit und für ihr Ende ist. Die Spirale auf den genannten Blättern wirkt wie ein Ausschnitt aus einer sich ins Endlose fortsetzenden Tätigkeit.

Das Phänomen der Zeit, der im Arbeiten nicht etwa vergehenden, sondern produktiv eingesetzten Zeit, ist in diesen Blättern ablesbar. Ich glaube, sie hat für uns beim Betrachten eine wohltuende Wirkung, weil wir sie als erfüllte Zeit erleben können. Erstaunlich ist auch der Farbreichtum, den diese eigentlich einfarbigen Blätter aufweisen. Auch bei den Radierungen im gleichen Raum ist das zu beobachten. Der feine Strich der Bleistiftzeichnung auf weichem Papier wird fast noch übertroffen von den feinen Linien, die die Radierungen aufweisen. Ines Hock gräbt die Linien mit der Radiernadel direkt in die Kupferplatte (kalte Nadel), mit der gleichen Konzentration und Beharrlichkeit wie sie mit dem Bleistift arbeitet. Die Farbnuancen der Grautöne, die im Abdruck entstehen, ist durch Nuancen des Plattentons, also der Farbreste, die auf der blank gewischten Kupferplatte an den Stegen haften geblieben sind, noch vielfältiger. Besonders reizvoll sind die Varianten von ein und derselben Platte mit verschiedenen Farben, die frei und experimentierfreudig aufgetragen werden. Bei den Farbradierungen hier im Raum. Hier sind Farbe und Strich in getrennten Arbeitsgängen entstanden und verbinden sich zu schwerelosen, schwebenden Gebilden, die wie Fenster den Blick in heitere Sphären öffnen. Die jüngste Radierung in Grün ist erst vor wenigen Tagen aus der Druckpresse gekommen.

Der Titel unserer Ausstellung, graphic moments, bezeichnet besonders den flüchtigen Momente, in dem die fließenden Farben mit dem Papier in Berührung kommen und dann im Druck festgehaltenen werden. Ihnen ist sicher aufgefallen, in welcher Vielfalt Ines Hock ihr künstlerisches Tun zu immer neuen Entdeckungen vorantreibt. Wir haben die Aquarelle betrachtet, die –besonders in den drei Blättern im ersten Raum – eine strahlende Leuchtkraft entfalten. Von den Zeichnungen und Radierungen mit ihrer Farbfülle trotz aller Reduktion war gerade die Rede. Auch die Monotypien haben wir erwähnt, ohne die Besonderheiten dieser Technik zu erwähnen. Hier wird ebenfalls sehr flüssige Ölfarbe auf den Druckstock aufgetragen. Dieser besteht aus einer grundierten Faserplatte, die nicht graphisch bearbeitet ist. So kommen hier die malerischen Qualitäten der Farbe, ihre Verläufe, Überlagerungen und Durchmischungen besonders frei zum Tragen. In den letzten Tagen hat sie farbige Folien an den Scheiben der Fenster und Türen angebracht, die das Hauptthema der Ausstellung, Farbe und Licht, sofort sinnfällig machen. Am Tag fällt das Sonnenlicht von außen in die Räume und lässt die farbigen Flächen aufleuchten. Abends dringt das Licht der Lampen durch die transparenten Felder nach außen und verwandelt unser Haus in eine Art Lampion. Hier muss ich auf große Werke von Ines Hock hinweisen, die hier gar nicht gezeigt werden könnten. Sie sind als Farbraumarbeiten entstanden, etwa für die evangelische Kirche in Radevormwald (2008), für Schloss Benrath (2011), oder den Commerzbank- Tower in Frankfurt (2009). Farbe und Licht und Raum kommen hier zu einem wahren Schauspiel zusammen und verwandeln die Architektur und die Menschen in ihr.
Im Schaufenster hängt eine kleine Scheibe, die von der Firma Derix, Taunusstein, in handwerklicher Perfektion mit mundgeblasenem gotischem Glas nach Ines Hocks Vorgabe angefertigt wurde. Sie führt uns ihre Kunst noch einmal in allen Facetten vor Augen. Da sind die kleinen Elemente, – in ähnlicher Grundform, – in einfacher Reihung, – in feinsten Farbabstufungen, – auf kleiner Fläche zusammengeführt und entfalten doch ein ästhetisches Feuerwerk, vor allem morgens zwischen 8 und 10 Uhr bei klarem Himmel. Obwohl dieses Glas von Handwerkern gemacht wurde, zeigt es deutlich die Besonderheiten des Arbeitens von Ines Hock. Sie müssen nur beobachten, wie die Rechteckformen variieren, wie die Abstände zwischen den Elementen größer oder kleiner sind, wie unterschiedlich die Glasstärken gewählt sind. Ines Hock entscheidet sich jeweils für ein klares Konzept, aber die Ausführung ist geprägt vom praktischen Tun von Hand und Kopf, das nie mit Lineal oder Zirkel vor sich geht.
– Der Druck, die Ruhe oder Unruhe der Hand, die den Stift führt, oder den Pinsel oder die Schere, – die Weichheit oder Härte des Materials, das den Untergrund bildet, – die Flüssigkeit oder Trockenheit der Farbe, – all das erweitert ständig das gewählte Konzept ohne es zu sprengen. Es öffnet sich vielmehr für eine unbegrenzte Fülle von Entdeckungen und Erfahrungen. Durch diesen wesentlichen körperlichem und sinnlichem Einsatz pulsiert in den Arbeiten die lebendige Energie des Forschens und Schaffens. Dass wir beim Betrachten der Ergebnisse von dieser Energie fasziniert sind, kann man uns nicht verdenken. Vielleicht würde Ines Hock als Ziel ihrer Arbeit nicht angeben, dass sie die Betrachter glücklich machen will. Aber sie hat sicher nichts dagegen, wenn sich Glück als Nebenprodukt für uns einstellt. Kunstwissenschaftlerin,  Dr. Jenny Graf-Bicher