Ines Hock Auf Farbe, Farben konzentriert sich Ines Hock in ihrer Arbeit; ihre Bilder, Wandmalereien,
Rauminstallationen, auch ihre Zeichnungen und Monotypien sind geprägt von Erfahrungen der Malerei, der
daher der erste Blick bei einer Annäherung an ihr Werk zu gelten hat.
Stets aus mehreren Schichten dünn gemalter Farbe bestehend, stellt sich die Farbe im Bild nach und nach
ein, finden sich Farbigkeit und Farbgestalt im Prozess des Malens, auch wenn die Spuren dieser Suche,
der Malakt selbst nicht immer kenntlich sind. Es sind stets mehrfarbige, aus der Fülle chromatischer Mög-
lichkeiten schöpfende Klänge, die in den Bildern realisiert werden. Aus Lasuren erwachsen die für die Lein-
wandarbeiten der Künstlerin spezifischen Farberscheinungen mit ihren oft kaum lokalisierbaren Grenzen,
die den Möglichkeiten des Aquarells näher zu stehen scheinen als einer Ölmalerei. Trotz aller Entwicklun-
gen, Veränderungen lassen sich für ihre Arbeit drei Konstanten ausmachen: Zum einen eine Helligkeit, eine
stets luminöse Erscheinung aller Farben, die sich dem Zusammenspiel der gleich einer Hintergrund-
strahlung wirksamen weißen Grundierung mit der stets gewahrten Transparenz und einer damit einher
gehenden schwebenden Leichtigkeit aller gemalten Farben verdankt. Zum anderen verleihen diese lichte
Helligkeit und die entgrenzt diffusen Farbverläufe – im realen Format stets nur wie ein Ausschnitt aus einem
allenfalls imaginierbarem Ganzen erscheinend – dem Bild eine kaum auslotbare Offenheit und Weite. Eng
damit verbunden ist drittens das vermeintlich Flüchtige aller dieser Farbformationen. Sabine Müller schrieb
zutreffend von der „ephemeren Erscheinung“ als „wesentliche[r] Erfahrung dieser Bilder“1. Es ist das
Paradox dieser Arbeiten, einen labilen Zustand festzuhalten, dem Veränderung als Möglichkeit stets ein-
geschrieben ist und der sich zugleich doch als stabil-bildhafter erweist.
So wie Ines Hock in ihren Malereien Farbe in ihrer Pluralität und Fülle nutzt, so beschränkt sie sich in ihren
großen, bildhaften Zeichnungen ganz auf die Möglichkeiten, die sich aus der Reduktion auf mit einem
Bleistift der Stärke B gezogene horizontale Linien ergeben. Aus kürzeren und längeren Strichen, differie-
renden Distanzen zwischen ihnen, variierendem Druck beim Zeichnen, mithin einem von Regeln und freien
Entscheidungen geprägten prozesshaften Arbeiten, entstehen erstaunlich komplexe Strukturen, die in ihrer
Gesamtheit kaum zu überschauen sind, vielmehr aus einer Fülle von Detaileindrücken ein Bild entstehen
lassen, das Gegenständliches evoziert – etwa eine Gesteinsoberfläche oder Landschaft – ohne damit wirk-
lich fassbar zu werden. Zugleich schieben sich gegenstandsferne Wahrnehmungen – Interferenzen, moiré-
hafte Irritationen – in die Lektüre der Blätter und erweisen diese als den Malereien verwandte, jedoch ganz
mit den Mitteln der Zeichnung geschaffene Arbeiten.
Den traditionsreichen Gattungen Malerei und Zeichnung stellt Ines Hock mit ihren farbigen Folienarbeiten
eine dritte, erst seit 2008 genutzte Arbeitsweise zur Seite, die es ihr erlaubt, ihre Erfahrungen mit Farbe,
Malerei in große, temporäre Rauminstallationen zu übersetzen. Als Material hierfür dienen von ihr bemalte
und zugeschnittene Folien. Ihr Vorrat an präparierten Folien – sie können mehr- oder einfarbig, transparent
oder opak sein – gestatten eine flexible Reaktion auf die Gegebenheiten des jeweiligen Raumes; es ist
möglich, sie auf Wänden, Böden und Decken, Fenstern und Gegenständen zu fixieren. Sowohl als ver-
streute, isolierte Einzelfarbformen können sie den Ort in seiner Gesamtheit prägen oder auch neben- und
übereinander platziert als mehr oder weniger geschlossene Großform wirksam werden, wobei sich den
Farblasuren der Malerei vergleichbare Überlagerungsmischungen ergeben. „Poetische Raumzeichnungen“
nennt Ines Hock diese Werkform, mit der sie ihre Malerei in den Realraum trägt und ihrer Auseinander-
setzung mit der Farbe eine zusätzliche Erfahrungsmöglichkeit erschließt.
Jens Peter Koerver
1 Sabine Müller: Zwei Bilder von Ines Hock, in: Michael Fehr (Hrsg.), Die Farbe hat mich; Essen 2000, S. 106.
aus Ausstellungsdokumentation Von Figuren und Farben mit Inge Schmidt, Kunsthaus NRW, Kornelimünster, 2010