{"id":5494,"date":"2026-10-23T13:02:25","date_gmt":"2026-10-23T11:02:25","guid":{"rendered":"https:\/\/ineshock.de\/?p=5494"},"modified":"2026-10-23T13:02:25","modified_gmt":"2026-10-23T11:02:25","slug":"farbige-lyrismen-markus-lepper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ineshock.de\/en\/farbige-lyrismen-markus-lepper\/","title":{"rendered":"Farbige Lyrismen | Markus Lepper"},"content":{"rendered":"<p>\u201eBemerkenswert wenige Kritiker erw\u00e4hnen Farbe, wenn sie Malerei er\u00f6rtern. Man nehme irgendein Kunstbuch und schaue im Register nach: Kein Rot, klein Blau oderGr\u00fcn ist zu finden.&#8221; (DEREK JARMAN schreibt in Chroma. Ein Buch der Farbe 1993, ein Jahr vor seinem Tod; Blindheit) Derek Jarman war Maler, Dichter und Filmemacher aus England und starb 1994 in London an Aids. Ein Jahr zuvor hatte er die Arbeit an Chroma. Ein Buch der Farben abgeschlossen und mit der Bemerkung eingeleitet, keine Farbfotos in das Buch aufgenommen zu haben, \u201edenn es w\u00e4re ein nutzloser Versuch, sie einzusperren. Ich ziehe es vor, dass die Farben schwebend in ihren K\u00f6pfen dahintreiben&#8221;!<br \/>\nDas Fundament der Malerei von Ines Hock ist die Farbe. Fundamental ist aber auch ihr Nachdenken \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Malerei heute, \u00fcber ihre Sprache und was sie zu sagen heute noch in der Lage ist. Hock nennt ihre Ausstellung FARBIGE LYRISMEN und sowohl Lyrik als auch die Musik werden immer wieder bem\u00fcht, um das Feld der abstrakten Malerei, der Farbmalerei klingen zu lassen. Prof. Schneckenburger fragt beispielsweise in seinem Einf\u00fchrungstext, weshalb es in der deutschen Sprache kein Wort gibt, welches LAUSCHEN im Visuellen meint. Vielleicht muss man, um den Bildern gerecht zu werden ganz nah an sie herantreten.Vielleicht muss man aber, zumindest wenn man einen \u00dcberblick gewinnen will, Abstand halten. Sie m\u00fcssen ihre Position schon selbst bestimmen, um ein St\u00fcck vom Regenbogen, ein Fetzen aus dem Himmel zu sehen. Das ist auch das besondere an dieser Art von Malerei: sie \u00e4ndert sich in Abh\u00e4ngigkeit des Raumes, in dem sie sich befindet und in Abh\u00e4ngigkeit des Lichts. Ich w\u00fcrde behaupten: \u00e4ndern sie den Raum, dann \u00e4ndern sie auch das Bild. Wom\u00f6glich ist Ines Hock sogar eine Impressionistin, denn ihre Malerei fu\u00dft auf dem Erlebnis der Farbe und des Lichts.<\/p>\n<p>1Ebenfalls 1993 hat Jarman mit Blue ihren letzten Film vorgelegt, der von der Erfahrung ihrer mit dem HIV-Virus in Verbindung stehenden Erblindung gepr\u00e4gt ist. Es ist eine Art H\u00f6r-Film, Bei dem 70 Minuten lang eine monochrome blaue Kinoleinwand zu sehen ist und vier Stimmen (im Original auch von Derek Jarman) von Farben und dem Leben erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Exkurs nach Frankfurt. Altmodisch \u201eimpressioniert&#8221; Farbe wird AUF DEM BILD gemischt &#8211; nicht auf der Palette.<br \/>\nDer Pinselstrich, eine durchg\u00e4ngige Markierung des Horizonts wenn mal so will als Anker f\u00fcr die Lesbarkeit dieser Malerei auch als Landschaft.<br \/>\nREALISMUS &#8211; ABSTRAKTION Kurze Geschichte der Malerei und der Ver\u00e4nderungen durch die sog. \u201eNeuen Medien&#8221;. Malerei wurde frei f\u00fcr etwas anderes. F\u00fcr das Erlebnis von Farbe und Licht, wor\u00fcber wir schon sprachen und auch f\u00fcr die Thematisierung der eigenen Materialit\u00e4t. Malerei muss nicht mehr Illusionistisch sein, muss keine Tricks mehr vollf\u00fchren und sie kann zeigen, dass sie aus Leinwand besteht, aus Farbe und aus einem Farbauftrag. Der Eigenwert der Farbe war eine Voraussetzung f\u00fcr die Entstehung der monochromen Malerei. Ob man Wei\u00dfes Quadrat auf wei\u00dfem Grund (1919) von Kasimir Malewitsch oder Alexander Rodtschenkos Reine Farbe Rot, reine Farbe Gelb, reine Farbe Blau (1921) als erstes Monochrom bezeichnen will: Die Verabsolutierung von Farbe durch die Suprematisten lie\u00df Eigenschaften aus der Gesamtkonstruktion &#8216;Malerei&#8217; hervortreten, die bis dahin eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Die Geschichte der Malerei beweist sich seitdem als Prozedur zwischen Formfindung und Formzerst\u00f6rung, zwischen realistischen und abstrakten Tendenzen, zwischen Konstruktion und Dekonstruktion, was nicht nur das Entstehen und Vergehen unterschiedlicher Stile erkl\u00e4rt, sondern auch die Auseinandersetzung der Malerei mit ihren eigenen Mitteln. K\u00fcnstlerische Analysen von Bildtr\u00e4ger, Pinsel, Farbauftrag oder anderen Materialien haben immer wieder neue malerische L\u00f6sungen bef\u00f6rdert. In der englischen Sprache gibt es die gel\u00e4ufige Unterscheidung zwischen <i>color <\/i>und <i>paint<\/i>. Das eine ist der Farbton, das andere die Farbmaterie, was im Deutschen etwas m\u00fchsam differenziert werden muss. Color ist ein Ph\u00e4nomen der physikalischen Gesetze: \u201eDie Farben sind Taten des Lichts.&#8221;2<\/p>\n<p>2 JOHANN WOLFGANG GOETHE, S\u00e4mtliche Werke nach Epochen ihres Schaffens, M\u00fcnchner Ausgabe, hrsg. von PETER SCHMIDT, Band 10: Zur Farbenlehre, M\u00fcnchen\/Wien: Hanser Verlag, 1989, S. 9<\/p>\n<p>Paint ist der chemische Aspekt der Farbe: Pigmente, L\u00f6sungs- und Bindemittel, Konsistenz. Doch weder das eine noch das andere gen\u00fcgt, um Malerei zu erzeugen. Erst indem Materie im Akt des Malens unter spezifischen Aspekten verarbeitet wird, entsteht im Farbauftrag der Farbton, der f\u00fcr die Malerei ausschlaggebend ist. Er unterscheidet sich nat\u00fcrlich von der Farbe, die in der Tube vorhanden ist, selbst wenn sie unverd\u00fcnnt und ungemischt aufgetragen wird. Der Farbauftrag ist das Ereignis, an dem Eigenschaften des Materials mit denen der Malerin zusammenfallen.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>Entscheidung f\u00fcr die Farbe als reines Ausdrucksmittel. \u201eEmotionale Tiefe der reinen Farbe\u201c. Beschr\u00e4nkung auf Farbigkeit hei\u00dft nicht Reduktion im Ausdruck! \u201eEin Fl\u00f6tenspieler [aus dem alten Persien] begann eines Tages, nur einen einzigen, langgezogenen anhaltenden Ton zu spielen. Als er damit nun an die zwanzig Jahre fortfuhr, gab ihm seine Frau zu bedenken, da\u00df doch alle anderen Fl\u00f6tenspieler mehrere, harmonische T\u00f6ne und ganze Melodien zustande br\u00e4chten und das doch abwechslungsreicher sei. Der monotone Fl\u00f6tenspieler aber antwortete, da\u00df es nicht sein Fehler sei, wenn er die Note schon gefunden h\u00e4tte, nach der die anderen noch immer suchten.&#8221;<br \/>\nLe vid\u00e9&#8221; die Leere am 28. April 1958 (Kleins 30. Geburtstag!) in der Galerie Iris Clert. Eigentlich sollte der Obelisk am Place de la Concorde blau angestrahlt werden. Die Einladungskarten k\u00fcndigten die Epoque Pneumatique an. In der griechischen Philosophie ist das nicht nur die Luft, sondern der Hauch, der Atem &#8211; Lebensprinzip und Seelenkraft.- Doch nur Fenster der Galerie und ein blauer Baldachin \u00fcber der Eingangst\u00fcr waren blau. Albert Camus im G\u00e4stebuch \u201eMit der Leere im Vollbesitz der Kr\u00e4fte&#8221;. Tinguely kommt t\u00e4glich!<\/p>\n<p>\u00bbAnwesenheit der Abwesenheit&#8221; (Ulf Linde)<br \/>\nIch springe an eine andere Stelle in der Geschichte der Malerei. Nach Amerika, denn nach dem 2. Weltkrieg ist nicht mehr Paris tonangebend, sondern die New York School und der sogenannte Abstrakte Expressionismus. Dazu geh\u00f6rten Pollock, der als Angriff auf das tradiert europ. Tafelbild seine Drippings machte. Achtion Painting. ALL OVER. KEINE BILDHIERARCHIE. Kein oben, kein unten &#8211; kein hinten kein vorne.<br \/>\nEin anderer wichtiger K\u00fcnstler des Abstrakten Expressionismus, an den ich vor zwei Tagen denken musste, als ich die Ausstellung zum ersten mal sah, war Barnett Newman (1905-70). Newman ist so jemand, der in seiner Malerei den Eigenwert der Farbe, ihr Erleben ins Zentrum seines k\u00fcnstlerischen Schaffens stellt. Ihn interessierte vielleicht wie Ines Hock nicht zu allererst, WAS er malen soll, sondern DASS er malen will. Newman hatte zwei, drei Farben nebeneinander oder durch einen Streifen voneinander getrennt in mehreren Schichten auf die Leinwand gemalt. Monochrome Fl\u00e4chen im Unterschied zu Ines Hock, doch trotz des formalen Reduktionismus geht es auch hier um die Vergegenw\u00e4rtigung absoluter Gef\u00fchle. Newman bearbeitete damals riesengro\u00dfe Leinw\u00e4nde (2,70m hoch und \u00fcber 6m breit) die zur Wahrnehmung als Wand tendieren und hat seinen Betrachtern dar\u00fcber hinaus empfohlen, sich sehr nah vor das Bild zu stellen. So nah, da\u00df das Blickfeld kleiner ist als das Bildfeld. Das Feld was sie hier sehen misst: Doch ein Bild LEBT auch f\u00fcr sich alleine&#8230; Der Zip teilt und eint. Wie der Pinselstrich hier. Die Horizontlinie? Der Himmel? Das Meer? Verbindet der in seinem Duktus so eindringliche Pinselstriche die obere und die untere H\u00e4lfte des Bildes oder teilt er sie? Ich will es nicht entscheiden m\u00fcssen. Eben sowenig wie entschieden werden kann, ob sie aus der N\u00e4he oder aus der Ferne BESSER sehen. Beides ist wichtig und n\u00f6tig.<br \/>\nIn Rahmen eines K\u00fcnstler-Symposions (1950) wird Newman vom Moderator gefragt, wie er seine neue Malerei nennen w\u00fcrde und er antwortet: &#8220;Ich w\u00fcrde den Ausdruck &#8216;selbstverst\u00e4ndlich&#8217; vorschlagen, weil das Bild konkret ist.&#8221;<\/p>\n<p>Der Raum und das malerische Konzept von Ines Hock bilden auch hier in Wetzlar eineEinheit. Die Grenze zwischen dem autonomen Tafelbild, dem Fries und dem, was Raum hier ist und sein kann werden verwischt. Kein Bildraum, sondern der Realraum ist durch Farben strukturiert, die uns anziehen aber nicht in den Grund eindringen lassen, dem sie entwachsen. \u201eAlle Mobilisierung die vom Werk ausgeht, die Schwebe, die wir erfahren, geh\u00f6rt nicht zu einem abgetrennten fiktiven Bereich, sondern zum wirklichen Umfeld, in dem auch der Betrachter lebt und sich bewegt.\u00ab3<\/p>\n<p>3 GOTTFRIED BOEHM, Form und Grund [Ausstellungskatalog], Ostfildern: Cantz, 1992., S. 38.<\/p>\n<p>Ines Hock bereichert das Gebiet der Farbfeldmalerei. Ihre Malerei ist sowohl dem farbigen Kolorit als auch einer Haltung der Monochromie verpflichtet. Sie kontrastiert ihr pr\u00e4zises Vorgehen in \u00d6l mit dem gestischen Moment ihrer Malerei, bei der die Hand den Bildtr\u00e4ger ber\u00fchrt und der Duktus sich wie hinter einen Schleier verfl\u00fcchtigt. DOCH: Und mit dieser Frage entlasse ich sie in den Abend: &#8220;Wie sollten wir begreifen k\u00f6nnen, wie Farben auf uns wirken, bevor sie auf uns gewirkt haben?&#8221;<\/p>\n<p>Rede im Stadthaus Wetzlar 2008, MARKUS LEPPER, Giessen&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBemerkenswert wenige Kritiker erw\u00e4hnen Farbe, wenn sie Malerei er\u00f6rtern. 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