{"id":3061,"date":"2023-09-17T21:54:01","date_gmt":"2023-09-17T19:54:01","guid":{"rendered":"https:\/\/ineshock.de\/?p=3061"},"modified":"2026-04-10T11:50:39","modified_gmt":"2026-04-10T09:50:39","slug":"reichweite-jasper-hallmanns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ineshock.de\/en\/reichweite-jasper-hallmanns\/","title":{"rendered":"REICHWEITE  |  Jasper Hallmanns"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Einleitung<\/p>\n<p>Alles begann mit dem schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch vor gut 100 Jahren. 1915 stellte der ukrainische Ku\u0308nstler mit 14 anderen Ku\u0308nstlern in einer Galerie in St. Petersburg aus. Das 80 x 80 cm gro\u00dfe Werk positionierte Malewitsch damals u\u0308berho\u0308ht im \u201escho\u0308nen Winkel\u201c, d.h. in der Ecke unterhalb der Decke, wo in russischen Woh- nungen u\u0308blicherweise die Ikone angebracht war. Damals lo\u0308ste es bei den Besuche- rinnen und Besuchern noch blankes Unversta\u0308ndnis aus. Kasimir Malewitsch notierte damals: \u201eAls ich in meinem Bestreben, die Kunst von dem Ballast des Gegensta\u0308nd- lichen zu befreien, zu der Form des Quadrats flu\u0308chtete, seufzte die Kritik und mit ihr die Gesellschaft: \u201eAlles, was wir geliebt haben, ist verloren gegangen. Wir sind in einer Wu\u0308ste!\u201c<\/p>\n<p>Jedoch sollte dieses Bild eine Revolution in der bildenden Kunst einla\u0308uten. Es war in gewisser Weise die Geburtsstunde der nichtgegensta\u0308ndlichen Kunst.<br \/>\nAbstrakte Kunst meint, dass man einen realen Gegenstand vereinfacht, stilisiert, umformt, d.h. dass dieser Gegenstand zwar erhalten bleibt, jedoch nicht in seiner wirk- lichkeitsgetreuen Form. Die Ku\u0308nstler dieser Ausstellung sind Vertreter der nichtgegen- sta\u0308ndlichen Kunst und lo\u0308sen sich damit vollsta\u0308ndig jeglicher Gegensta\u0308ndlichkeit, lassen Formen und Farben fu\u0308r sich sprechen.<\/p>\n<p>Bereits dem revolutiona\u0308ren schwarzen Quadrat von Malewitsch hatte mit den Impressionisten und Post-Impressionisten eine teilweise Auflo\u0308sung der Gegensta\u0308ndlich- keit stattgefunden. Wir alle kennen die Werke der Pointillisten um George Seurat, Gus- tave Cariot und Paul Signac, die in ihren Werken mit den zeitgeno\u0308ssischen Erkennt- nissen zur Farbenlehre auseinandersetzten, mit Simultankontrasten und additiver Farb- mischung. Die Werke besitzen in ihrer teilweisen Loslo\u0308sung von der Gegensta\u0308ndlichkeit bereits einen gewissen Grad an Abstraktion, bleiben aber unverkennbar der realen Bild- welt verhaftet.<\/p>\n<p>In der ersten Ha\u0308lfte des 20. Jahrhunderts entwickelt sich mit den Expressionisten eine weitere Loslo\u0308sung von der Gegensta\u0308ndlichkeit, ohne diese jedoch vollsta\u0308ndig aufzu- geben. Zu dieser Gruppe za\u0308hlen etwa Robert Delaunay, Hilma af Klint, Frantis\u030cek Kupka, Paul Klee und Wassily Kandinsky. Erst mit der ungegensta\u0308ndlichen Kunst in der Nachfolge Ce\u0301zannes wurde eine Richtung eingeschlagen, die sich vollkommen von der<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>1<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Nachahmung realer Gegensta\u0308nde, von der Mimesis, lo\u0308ste. Zu nennen sind hier die russischen Suprematisten, die Konstruktivisten, das deutsche Bauhaus und das niederla\u0308ndische De Stijl, mit dessen wichtigsten Vertretern Piet Mondrian und Theo von Doesburg. Gesteigert wurde dies durch die Farbfeldmalerei in der zeitgeno\u0308ssischen Kunst, beginnend im abstrakten Expressionismus und den Werken etwa von Mark Rothko oder Barnett Newmann oder spa\u0308ter in den bekannten minimalistisch-konzeptuellen Arbeiten etwa Imi Knoebels oder Gu\u0308nter Umbergs.<\/p>\n<p>Doch genug der Vorgeschichte. Nun zu den Ku\u0308nstlern der Ausstellung:<\/p>\n<p>Herman Melville schreibt im 42. Kapitel von Moby Dick: \u201eTrotz all der hier aufgeha\u0308uften Ankla\u0308nge an alles, was anmutig und ehrenvoll von diesem Farbton etwas Ungreifbares, das die Seele sta\u0308rker in Panik versetzt als jenes Rot des Blutes, das soviel Furcht erregt. [&#8230;] Die ungeheuerliche Wei\u00dfe des Wals\u201c.<\/p>\n<p>Bei Ines Hock spielt das Wei\u00df eine wichtige Rolle in Ihrer Kunst. Es ist nicht das Wei\u00df, fu\u0308r das ein spezielles Pigment mit Bindemittel gemischt wird, um daraus eine auftragbare Farbe zu schaffen. Es ist vielmehr das Wei\u00df des Papiers auf dem sich die faszinierenden Farbra\u0308ume bei ihrer Kunst entwickeln, auf dem sich Muster und Strukturen der Farb- und Graphitstifte verdichten und das doch stets pra\u0308sent bleibt &#8211; als Fla\u0308che, Umrandung und Untergrund. Auf dieses cremige Wei\u00df der Bu\u0308ttenpapiere, auf die leicht pastelligen Ingrespapier, das blendend wei\u00dfe englische Aquarellpapier aus Waterford entstehen ihre Kunstwerke. Es sind Kunstwerke, meine Damen und Herren, die einige von Ihnen sicherlich vor Herausforderungen stellen. Es sind Zeichnungen, Aquarellzeichnungen und zwei fru\u0308he Gema\u0308lde, die Sie gleich in den Ausstellungsra\u0308umen zu sehen bekommen. Au\u00dferdem zeigt sie im Erkerzimmer einen diaphanen, mit gru\u0308n-buntem Licht gefu\u0308llten Raum, den sie aufgrund der einsetzenden Dunkelheit bedauerlicherweise nicht mehr erfahren ko\u0308nnen. Es lohnt sich also, die Ausstellung auch noch einmal im hellen Sonnenschein zu besuchen.<\/p>\n<p>Erst seit 2005 pra\u0308sentiert die Ku\u0308nstlerin ihre Arbeiten auf Papier der O\u0308ffentlichkeit. Fu\u0308r die Zeichnungen verwendet Ines Hock Graphit, bunte und graue Farbstifte. Wussten Sie etwa, dass es alleine 14 Grauabstufungen der Polychromos-Stifte gibt, von warmen Grau, u\u0308ber verschiedene kalte Grauto\u0308ne, bis hin zu Paynes Grau, jener Farbton in einem perfekten Mischungsverha\u0308ltnis von Preu\u00dfischblau, gelbem Ocker und Karmesinrot, den der Landschaftsmaler und Mitglied der beru\u0308hmten Londoner Old Watercolour-Society Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte. Jenes dunkle Blau-Grau, mit welchem sich perfekt die atmospha\u0308rische Perspektive, der Dunst der sich in der Ferne verblassenden Landschaft, der Hu\u0308gel und Berge darstellen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ines Hock bespielt das Blatt, die Fla\u0308che, wie sie selber sagt, in malerischen Sinn. Sie benutzt fu\u0308r die gesamten Zeichnungen einen weichen Stift. Mit diesem beginnt sie das Blatt mit feinen, kurzen Strichen zu u\u0308berziehen, stets von links nach rechts in europa\u0308ischer Leserichtung. Strich fu\u0308r Strich fu\u0308gt sich aneinander. Im engen Abstand<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>2<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>u\u0308bereinandergesetzten horizontalen Strichen stapeln sich zu vertikalen Segmenten auf, die sich immer mehr zu Textur verdichten, vor dem Auge des Betrachters zu Schattierungen, zu wolkigen Strukturen, ja zu einer Art Mikrokosmos werden. Auch wenn die Striche sehr bewusst, mit geschulter Hand gesetzt werden, spielt dennoch der Zufall beim Entstehungsprozess der Werke eine wichtige Rolle. Es gibt, wie die Ku\u0308nstlerin sagt, \u201ekleine Verschiebungen im Feinstofflichen\u201c. Auch die Strichsta\u0308rke variiert. Der frisch angespitzte Stift erlaubt eine klare, scharfkantige Linie, wohingegen mit zunehmender Abnutzung der Stiftspitze auch die Striche breiter und weicher werden und so ebenfalls fu\u0308r eine Schattierung, fu\u0308r wolkenartige Strukturen in der Zeichenoberfla\u0308che sorgen.<\/p>\n<p>Die Aquarelle von Ines Hock sind eigentlich ebenfalls Zeichnungen, die von ihr auch konsequent Aquarellzeichnungen genannt werden. Wie bei den Buntstiftzeichnungen werden auch hier schmale horizontale Pinselstriche eng u\u0308bereinandergesetzt. Beschra\u0308nkte sich die Palette der Aquarellzeichnungen zuna\u0308chst nur auf Grauto\u0308ne und Schwarz, so kamen ab den 2010er-Jahren auch Blau- und Tu\u0308rkisto\u0308ne hinzu. Wieder fu\u0308nf Jahre spa\u0308ter wird die Farbpalette noch reicher. Es gesellen sich Karminrot, Bernstein, Orange, Neapelgelb, Indischgelb, Ultramarin, Preu\u00dfischblau, Himmelblau, diverse Gru\u0308nto\u0308ne wie Gru\u0308nerde, Avocado oder Seladon hinzu. Besonders erwa\u0308hnenswert sind hier die Arbeiten der Serien, die wa\u0308hrend oder bezugnehmend auf Reisen nach Patara entstanden. Bei diesen Arbeiten geschieht etwas Faszinierendes. Es sind immer noch ungegensta\u0308ndliche Werke. Durch die Anordnung der Farben jedoch konstruiert unser Gehirn bei der Betrachtung auf wundersame Weise Landschaften. Es formen sich Ku\u0308sten, Stra\u0308nde, hu\u0308gelige Landschaften. Ein weiterer Blick durch die Fenster des Schlosses la\u0308sst die Werke mit der umgebenden Natur verschmelzen. Sie werden eins mit dem Laubwerk der Bla\u0308tter, mit den sanftgelben Sonnenlicht, das auf dem Schlossweiher scheint und sich an den Wa\u0308nden und Decken der Ausstellungssa\u0308le reflektiert, mit dem Blau- und Tu\u0308rkisto\u0308nen des Himmels. Es sind Arbeiten, die von Nah und Fern betrachtet werden wollen, ja es geradezu herausfordern. Bei den Farbfeldaquarellen der Serie Juist werden die Streifen breiter, an den meisten Stellen klar von einander, an anderen Stellen wiederum sich beru\u0308hrend. Es sind Partituren, die sich wie ein Musikstu\u0308ck zusammenfu\u0308gen, die einen Rhythmus erzeugen, Schwingungen<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Jasper Hallmanns<br \/>\nRede zur Vernissage von \u201eInes Hock \u2013 Reichweite&#8221; 25.05.2023&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ineshock.de\/ines-hock-r-e-i-c-h-w-e-i-t-e-schloss-burgau-2023\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bilder der Ausstellung<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Alles begann mit dem schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch vor gut 100 Jahren. 1915 stellte der ukrainische Ku\u0308nstler mit [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-3061","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3061"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5108,"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3061\/revisions\/5108"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ineshock.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}